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Kritik
                           an meinen Routenführungen

Auf dieser Seite möchte ich wesentliche Kritikpunkte an den Ergebnissen meiner Römerstraßenforschungen auflisten, die ich – zugegebenermaßen aus meiner subjektiven Sicht heraus – versuche zu entkräften. Obwohl auf die Mehrzahl der vorgebrachten Argumente bereits in den entsprechenden Abschnitten meines Buch   eingegangen wurde, sollen sie hier in der Art einer Übersicht zusammenfassend vorgestellt werden.

 Vorbemerkung:

Ein neuer Ansatz:
Gegenstand meiner Forschungen zu den römischen Fernstraßen im südöstlichen Bayern ist die Lokalisierung der in den beiden Quellen des Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana verzeichneten Straßenstationen und damit die Ermittlung des ungefähren Verlaufs der dazu gehörenden Straßen. Nach dem Motto des Historikers “Ad Fontes - zurück zu den Quellen” konzentrieren sich meine wissenschaftlichen Untersuchungen in erster Linie auf die Analyse und Auswertung dieser  Straßenverzeichnisse.
Beide Itinerare geben jedoch keine exakten Trassenverläufe wieder, sondern listen nur die lateinischen Namen von individuell ausgewählten Straßenstationen und deren Distanzen zueinander auf. Weitere verwertbare Elemente sind in diesen Quellen nicht vorhanden.
Unbestritten bilden die Ergebnisse der Archäologie ein unentbehrliches Element der wissenschaftlichen Römerstraßenforschung, doch erst in der Kombination mit der Auswertung der schriftlichen Quellen lässt sich ein realitätskonformes Bild der römischen Straßen der Itinerare ermitteln. (Nur um diese Straßen geht es in meiner Untersuchung!)
Archäologische Befunde allein sind deshalb für meinen speziellen Ansatz keine “Vorgaben” und haben daher bei der Lokalisierung der Stationsorte und der Ermittlung der Routenführungen nachrangige Relevanz. (Auf diesen Punkt zielen die meisten der vorgebrachten Kritiken!)
Begründung: Es gibt in Bayern viele über die Archäologie gesicherte römische Straßenzüge und zweifelsohne noch weitere, die noch nicht erfasst wurden. Die Mehrzahl der archäologischen Funde römischer Straßenreste resultierte zumeist aus „zufälligen“ Entdeckungen, erst danach setzten gezielte Grabungen ein. In den letzten Jahrzehnten wurden über die Grabungs- und Luftbildarchäologie viele neue römische Trassen erschlossen, es darf angenommen werden, dass ein Ende noch nicht erreicht ist.
Fazit: Solange Bayern nicht “flächendeckend” ergraben und archäologisch erforscht ist, können alle bisherigen archäologischen Befunde nur punktuelle Ergebnisse liefern und keinen absolut endgültigen Wissensstand bezüglich der Gesamtstruktur des römischen Straßennetzes wiedergeben. Aus der Tatsache, dass an einem bestimmten Ort (noch) keine Straßenreste gefunden wurden, kann (ohne gezielte Grabungen) keinesfalls der ultimative Schluss gezogen werden, dass es hier keine Straße gab.
Aus nicht einem der bislang aufgefundenen (anonymen) Straßen- oder Gebäudereste zwischen Salzburg und Augsburg kann der Name einer Itinerarien-Straßenstation abgeleitet werden. Dies gilt auch für die vorhandenen römischen Meilensteine. Schon aus diesem Grunde rechtfertigt sich ein alternativer wissenschaftlicher Forschungsansatz, der sich nicht einseitig nur auf die archäologischen “Vorgaben” stützt.

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Aus den einzelnen Kritikfeldern wurden die Argumente gebündelt und wegen ihrer allgemeinen Bedeutung werden sie hier ohne Namennennung vorgestellt.

  
 

Die wesentlichsten Kritikpunkte an meinen Forschungen:

      

       Übersicht:

(1)  „Auf keiner der beschriebenen Straßenverläufe wurden bisher römische Straßenfunde gemacht …“

(2)  „Der Autor hält archäologische Belege für viel unwichtiger als etymologische Namensähnlichkeiten …“

(3)  „Der Autor konstruiert eine Lücke in der Tabula zwischen Bratananium und Urusa, um seine Routenführung zu rechtfertigen …“

(4)  „Die als >Via Julia< bezeichnete römische Straße von Augsburg nach Salzburg ist archäologisch gesichert und in ihrem Streckenverlauf plausibel und stimmig.“

(5)  „Der neue Ansatz – statt archäologischer Zeugnisse topografische und etymologische Schwerpunkte – besticht zunächst durch Simplifizierung, er missachtet jedoch die bisherigen fundierten wissenschaftlichen Forschungen zu den römischen Straßen …“

(6)  „Tabula und Itinerarium enthalten zu viele Fehler in den Meilenzahlen. Die Distanzangaben sind keine zuverlässigen Kriterien für die Lokalisierung von Stationsorten.“

(7)  „Der Verfasser unterstellt (bei seiner Route von Salzburg nach Augsburg), dass Bedaium und Abodiacum bzw. Avodiacum zweifelsfrei mit Seebruck bzw. Epfach gesichert sind.“

(8) „Der Verfasser ignoriert die unmissverständliche Aussage der Tabula Peutingeriana, dass die Straße von Salzburg nach Augsburg zuerst über Kempten und von dort nach Augsburg führt. Der erste Teil der Route verläuft demnach in direkter Linie entlang des Alpenrandes bis Kempten.”

(9) „Tabula Peutingeriana und Itinerarium Antonini sind als eigenständige Quellen zu behandeln. Sie beschreiben unterschiedliche Routen (beispielsweise zwischen Salzburg und Augsburg) und dürfen nicht vermischt oder zu Vergleichen herangezogen werden.”

(10) “Helfendorf als Isinisca erscheint doch bereits in der Emmeramsvita von Arbeo als Ort des Martyriums des Heiligen. ...”

(11) “Der Name des Innübergangs bei PfaffenhofenIRosenheim ist inzwischen zweifelsfrei als “statio Enensis”, als (Zoll-)Station am Inn gesichert.”

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       Erwiderungen:

(1)  „Auf keiner der beschriebenen Straßenverläufe wurden bisher römische Straßenfunde gemacht …“

In meinem Buch werden keine exakten Trassenverläufe beschrieben, sondern nur die Orte der Straßenstationen lokalisiert und in den Kartenskizzen schematisch mit einander verbunden. Systematische Grabungen zur Festlegung dieser Trassen im Gelände wurden bislang noch nicht durchgeführt, da noch keine Notwendigkeiten bestanden. Die Reste römischer Straßen und „Altstraßen“, beispielsweise bei Wasserburg, Isen, Pretzen (!), Unterschleißheim und Dachau, können durchaus als Indizien für meine Interpretation der Salzburg-Augsburg-Route gewertet werden.
Die gesicherte Trasse einer römischen Straße durch den Hofoldinger Forst ist für mich noch kein schlüssiger Beweis der Identität dieser Straße mit der Route eines der beiden Itinerare. Sie ist nachweislich nicht die einzige römische Querverbindung in unserem Raum. (Siehe auch nächster Kritikpunkt.)

 

(2)  „Der Autor hält archäologische Belege für viel unwichtiger als etymologische Namensähnlichkeiten …“

Archäologische Funde belegen für Gauting eine größere römische Siedlung an der Würm. Aber einen Beweis für Gauting als Station Bratananium der Tabula können sie per se nicht liefern. Zeugnisse einer römischen Siedlung gibt es seit den Grabungen von 2006/2007 auch im Raum Pretzen bei Erding. Eine Namenverwandtschaft von Pretzen mit Bratan(anium) haben etymologische Untersuchungen überzeugend belegt. Auch die Namenverwandtschaft von Isinisca/Isunisca mit dem Ort Isen an der Isen ist gesichert. Kleinhelfendorf (Isinisca?) kann für sich nur in Anspruch nehmen, an einer römischen Straße durch den Hofoldinger Forst zu liegen. Unbestritten ist dies jedoch nicht die einzige römische Straße in unserem Raum, wohl aber eine Straße, die bis dato durch viele Funde archäologisch gesichert ist.
Die Namenverwandtschaften der Orte Pretzen und Isen mit den lateinischen Stationsnamen sind nicht allein ausschlaggebend für ihre Lokalisierung als Straßenstationen der Itinerare. Als weitere wesentliche Indizien sind neben anderen (Siedlungsgeschichte etc.) die zielgerichtete Routenführung und die absolut stimmigen Distanzen im Itinerarium und in der Tabula  zu nennen.

 

(3)  „Der Autor konstruiert eine Lücke in der Tabula zwischen Bratananium und Urusa, um seine Routenführung zu rechtfertigen …“

Intensive Studien und Analysen ergaben, dass der Verfasser der Tabula in seiner Routendarstellung der Straße von Salzburg nach Augsburg nicht eine zielgerichtete und geschlossene Wegführung beschreibt, sondern sich diese Route aus den Segmenten von drei unterschiedlich verlaufenden römischen Straßen zusammensetzt. (Vgl. Abb. 18 und 19 im Buch oder Bild 3 hier auf der Seite „Materialien“.) Mit einer Übertragung auf eine moderne Landkarte kann diese Behauptung grafisch überzeugend dargestellt werden. Dabei wird erkennbar, dass zwischen den Stationen Bratananium (Pretzen) und Urusa (Eresing) eine oder zwei Stationen übergangen wurden. Da überdies nachgewiesen werden kann, dass beide Itinerare (zumindest bis Bratananium) dieselbe Wegführung von Salzburg nach Augsburg beschreiben, muss dieser Gabelungspunkt, wo die Tabula das Segment über Epfach/Abodiacum nach Kempten anfügt, auf der gesicherten Route des Itinerarium liegen. Als Gabelungspunkt konnte die Station Ambra (Dachau) des Itinerarium lokalisiert werden (Vgl. Bild 4 hier bei “Materialien”).
Die Übernahme der Station Ambra des Itinerarium Antonini in die Routenführung der Tabula Peutingeriana erweist sich als überzeugend und widerspricht nicht der Gesamtaussage der Quelle, die einen Weg von Salzburg nach Augsburg beschreibt. Diese Einfügung ist keine willkürliche Konstruktion, sondern das Ergebnis intensiver Forschungen. Mit ihr erhält  das (für den heutigen Betrachter schwer zu deutende) Bild der Tabula-Route im Raum östlich von Augsburg eine realitätsbezogene Klarstellung.

Die Tabula Peutingeriana ist keine Landkarte im heutigen Sinne, sie ist eine grafisch gestaltete Stationsliste, der nicht die Anforderungen und Normen moderner Reisekarten zugrunde liegen.

 

(4)  „Die als >Via Julia< bezeichnete römische Straße von Augsburg nach Salzburg ist archäologisch gesichert und in ihrem Streckenverlauf plausibel und stimmig.“

Die heute als „Via Julia“ bezeichnete römische Straße entspricht der Salzburg-Augsburg-Route der traditionellen Forschung, wobei nicht klar ist, ob damit nur die Trasse des Itinerarium oder auch ein Teilstück der Route der Tabula angesprochen wird. Die Trasse ist nur in Teilen (z. B. durch den Hofoldinger Forst) und keinesfalls auf der gesamten Route gesichert. Auf dieser Routenführung (ab Bedaium/Seebruck) sind weder die Zielrichtung, noch die Distanzen stimmig – es werden mehrere größere Korrekturen notwendig - auch können die Orte Helfendorf (Isinisca?), Gauting (Bratananium?) oder Urusa (Raisting?) keinerlei Namenverwandtschaften mit den Straßenstationen der Itinerare aufweisen. (Vgl. Bild 2 hier bei “Materialien”) Die Routenführung der “Via Julia” lässt sich ausschließlich über (anonyme) archäologische Funde sichern, doch römische Straßen- und Gebäudereste gibt es auch an anderen Orten.
Diese „Via Julia“ ist zweifellos eine bedeutende römische Straße, nach meinen Untersuchungen ist sie jedoch nicht die in den Schriftquellen beschriebene Straße von Salzburg nach Augsburg.

  

(5)  „Der neue Ansatz – statt archäologischer Zeugnisse topografische und etymologische Schwerpunkte – besticht zunächst durch Simplifizierung, er missachtet jedoch die bisherigen fundierten wissenschaftlichen Forschungen zu den römischen Straßen …“

Die Römerstraßenforschung ist in Bayern seit den wegweisenden Ergebnissen von Prof. Reinecke vor mehr als sechzig Jahren nicht mehr grundlegend weiter entwickelt worden. Die Route über Rosenheim, Helfendorf und Gauting wurde zur gängigen Lehrmeinung und mit Blick auf die archäologischen „Belege“ wurden alternative Ansätze zurückgewiesen. Unbestritten ergab sich damit ein gewisser Forschungsstillstand, den ich mit meinen Untersuchungen aufbrechen wollte. Ein neuer Ansatz – weg von der Archäologiefixierung – erschien mir notwendig. Das Ergebnis meiner langjährigen Forschungen war überraschend, weil es belegen kann, dass die „klassische“ Routeninterpretation nur in Teilen mit den Aussagen der beiden Itinerare übereinstimmt.
Das Postulat einer zielgerichteten, geradlinigen Trassenführung (orientiert an der „Ideallinie“) erscheint zunächst tatsächlich als „Simplifizierung“, sie entspricht jedoch den pragmatischen Grundprinzipien römischen Fernstraßenbaus, vor allem hier in dieser Grenzprovinz des Imperiums, wo schnelle, umweglose Verbindungen militärischen Forderungen und Notwendigkeiten entsprachen.

  

(6)  „Tabula und Itinerarium enthalten zu viele Fehler in den Meilenzahlen. Die Distanzangaben sind keine zuverlässigen Kriterien für die Lokalisierung von Stationsorten.“

Frage: Könnten eventuell die Distanzen richtig und stattdessen die Lokalisierungen der Stationsorte, auf die Bezug genommen wird, falsch sein? –
Am Beispiel der Route von Salzburg nach Augsburg kann gezeigt werden, dass den „Urfassungen“ der Quellen zweifellos korrekte Distanzangaben zugrunde lagen. Für das Itinerarium Antonini (basierend auf der Edition von Otto Cuntz) sind für die neue Wegführung  von Salzburg nach Augsburg keine Distanzkorrekturen notwendig. Dies kann auch für die von mir behauptete deckungsgleiche Route der Tabula Peutingeriana von Salzburg nach Augsburg über Wasserburg und Pretzen nach Hinzunahme der Station Ambra/Dachau des Itinerarium Antonini festgestellt werden. In der Tabula zeigt sich zwar ein Distanzunterschied in den Quellen zwischen Bedaium/Seebruck und dem Innübergang Ad Enum. Während das Itinerarium hier eine Entfernung von XVIII mp. angibt, nennt die Tabula nur XIII mp. Da die Stationen Pons Aeni des Itinerarium und Ad Enum der Tabula identische Orte sind, liegt hier zweifellos ein Abschreibfehler durch Weglassen einer Ziffer vor. Das Itinerarium nennt die nachmessbar richtige Entfernung von XVIII mp.

Dieser Sachverhalt – Abschreibefehler durch Weglassung einer Ziffer – tritt mehrfach im gesamten Untersuchungsbereich auf. Er kann in nahezu allen Fällen durch Nachmessungen zwischen gesicherten Orten oder Quellenvergleiche erkannt werden.

 

(7)  „Der Verfasser unterstellt (bei seiner Route von Salzburg nach Augsburg), dass Bedaium und Abodiacum bzw. Avodiacum zweifelsfrei mit Seebruck bzw. Epfach gesichert sind.“

Richtig. Im Gegensatz zu anderen Orten, z. B. Pfaffenhofen, Kleinhelfendorf, Gauting oder Raisting konnten über detaillierte Untersuchungen keine Hinweise auf fehlerhafte Lokalisierungen durch die bisherige Forschung erkannt werden. Die Orte Bedaium/Seebruck und Abodiacum/Epfach sind in der Wissenschaft nicht umstritten. Die Stationen Abodiacum und Avodiacum der Tabula sind identische Orte, die unterschiedliche Schreibweise des Namens in der Tabula ist weniger als Abschreibefehler denn als Betazismus zu sehen.

 

(8) „Der Verfasser ignoriert die unmissverständliche Aussage der Tabula Peutingeriana, dass die Straße von Salzburg nach Augsburg zuerst über Kempten und von dort nach Augsburg führt. Der erste Teil der Route verläuft demnach in direkter Linie entlang des Alpenrandes bis Kempten.”

Ein erster Blick auf die Darstellung in der Tabula scheint dies zu bestätigen: Die Tabula gibt eine Gesamtlänge von 140 mp (210 km) an, die Luftliniendistanz misst ca. 200 km, die Länge dieser Queralpenstraße beträgt ca. 210 km.
Für eine solche Trassenführung entlang des Alpenrandes muss jedoch unterstellt werden, dass
   - die Tabula auf dieser Route keine Fehler in den Distanzangaben enthält,
   - Tabula und Itinerarium Antonini getrennte Routen zwischen Salzburg und Augsburg beschreiben. Die (gemeinsamen) Orte Bedaium, Ad Enum/Pons Aeni, Is(u)inisca und Av(b)odiacum/Abuzaco werden deshalb nicht als identische Orte angesehen,
   - die in der wissenschaftlichen Forschung gesicherten Orte Bedaium/Seebruck und Abodiacum/Epfach an anderen Stellen zu lokalisieren sind.
Auf dieser Route und bei den hier lokalisierten Stationsorten kann keine Namenverwandtschaft oder –ähnlichkeit mit den lateinischen Stationsnamen der Quelle gefunden werden, auch die topografischen Fixierungen der Stationen sind nur schwer mit den römischen Planungsgrundsätzen (Raststationen an Kreuzungspunkten oder Flussübergängen etc.) zu vereinbaren, zumal hier die meisten Straßenstationen eher als Vermessungspunkte gesehen werden. Die wenigen archäologischen Funde können das Routenbild nur mühsam stützen, daneben zeigt die siedlungsgeschichtliche Entwicklung der lokalisierten Stationsorte kaum Bezug zu der hier angenommenen römischen Fernstraße.
Zwischen Bedaium und Ad Enum gibt die Tabula als Distanz XIII mp an, auf dieser Queralpenroute beträgt schon die Länge der Ideallinie zwischen Kucheln/Grassau (= Bedaium 1) und dem Innnübergang bei Sinzing/Rohrdorf (= Ad Enum 1)  etwa XV mp, die tatsächliche Weglänge dürfte damit mindestens XVII mp erreichen, d. h. eine strikte Übernahme der Distanzangaben zur Festlegung der Stationsorte ist deshalb nicht ohne Anpassungen möglich.
Eine Wegführung nach der alten Hauptstadt Kempten unterstellt der Tabula eine sehr frühe Entstehungszeit im 1. Jahrhundert, wogegen die Nennung von Stationsorten spricht, die nachweislich erst in späterer Zeit entstanden sind.

Nach den Erkenntnissen, die meine Untersuchung erbrachte, ist diese römische Queralpenstraße zwar eine durchaus diskutable, aber mit den Aussagen der Quelle nur schwer zu vereinbarende Auslegung der Salzburg-Augsburg-Route der Tabula Peutingeriana. Ein Vergleich mit dem Itinerarium Antonini, das ebenfalls die Orte Seebruck und Epfach enthält, kann belegen, dass die Tabula u. a. bereits zwischen Seebruck und dem (gemeinsamen) Innübergang einen Schreibfehler enthält. Eine (spätere) Verlegung der Stationen Bedaium, Abodiacum etc. unter Beibehaltung des Namens widerspricht der Praxis der damaligen Zeit. Dafür gibt es weder Analogien, noch Quellenbelege. Unterschiedliche Schreibweisen der Stationsnamen (Pons Aeni/Ad Enum oder Abodiacum/ Avodiacum) rechtfertigen nicht von vornherein unterschiedliche Lokalisierungen. Über etymologische, sprachwissenschaftliche und und topografische Analysen kann die Identität  der Stationen gesichert werden.

 

(9) „Tabula Peutingeriana und Itinerarium Antonini sind als eigenständige Quellen zu behandeln. Sie beschreiben unterschiedliche Routen (beispielsweise zwischen Salzburg und Augsburg) und dürfen nicht vermischt oder zu Vergleichen herangezogen werden.”

Trotz der fehlenden „Verwandtschaft“ und der unterschiedlichen Entstehungszeit von Tabula und Itinerarium konnte ich nachweisen, dass beide Itinerare eine identische Route von Salzburg nach Augsburg beschreiben und auf dieser Route mehrere „gemeinsame“ Stationsorte aufgeführt sind. Die römischen Fernstraßen hatten eine lange „Lebensdauer“ und waren während der gesamten römischen Herrschaft in Benutzung. Ihre Entstehungszeit ist deshalb für die „Rekonstruktion“ der Routenführung nur von marginaler Bedeutung, wichtig war deren Existenz als solche. Nachgewiesene und in beiden Quellen verzeichnete Routen (z. B. von Regensburg nach Passau) erlauben durchaus Vergleiche und führten in mehreren Fällen zur Aufdeckung von Fehlern bei den Distanzangaben.

Quellenvergleiche sind die Arbeitsgrundlage für den Historiker. Die isolierte Betrachtung einer einzelnen Quelle vermindert deren Aussagewert, weil mögliche Fehler nicht ohne weiteres nicht erkannt werden können und damit die Gefahr von Fehlinterpretationen nicht auszuschließen ist.

Vgl. dazu die Tafeln 2 und 3 hier auf der Unterseite “Routenskizzen”



(10) “Helfendorf als Isinisca erscheint doch bereits in der Emmeramsvita von Arbeo als Ort des Martyriums des Heiligen. ...”

Nicht korrekt! Der passus in der Vita lautet: “... dum pervenisset ad villam nuncupantem Helphindorf ...” [dann kam er zu einem Dorf mit Namen Helfendorf / Nach der Edition von B. Bischoff, München 1953, S. 24]. Der Name Isinisca taucht an keiner Stelle im lateinischen Originaltext auf. Die Lokalisierung Helfendorf = Isinisca erscheint erstmalig um 1870 bei  Prof. J. N. Sepp.
Helfendorf war zweifellos ein bedeutender Kreuzungspunkt zweier Altstraßen und ehemaliger Römerstraßen, nämlich der sogen. “Via Julia” und der Semptroute, die von Landshut aus durch den Raum Erding nach Süden in Richtung Achensee und ins Inntal verlief. Letztere war m. E. nach auch die Fluchtroute des Heiligen Emmeram.

Die Gleichsetzung von Isinisca mit dem Ort Isen an der Isen findet sich bereits bei Aventin (1477-1543), Philipp Apian (1531-1589) und Markus Welser (1588-1614).

 

(11) “Der Name des Innübergangs bei PfaffenhofenIRosenheim ist inzwischen zweifelsfrei als “statio Enensis”, als (Zoll-) Station am Inn gesichert.”

Die Arbeit, auf die hier Bezug genommen wird (veröffentl. 2008), beschreibt die Rekonstruktion der Inschrift einer stark fragmentierten Votivtafel aus dem 1977 aufgefundenen Mithräum in Mühlthal auf der östlichen Seite des Inns, gegenüber von Pfaffenhofen bei Rosenheim gelegen. Vorlage für die Rekonstruktion des Textes bildet eine ähnliche Inschrift aus dem Mithräum II in Poetovio (Ptuj/Slowenien). Die dortige Inschrift nennt als Stifter den vilicus einer “statio Enensis”. Diese “Statio” wird  als “(Zoll-)Station am Inn” gesehen.
Aus der Inschrift in Ptuj wird der Passus “vilicus stationis Enensis” zur Rekonstruktion übernommen, obgleich für die zwei zu rekonstruierenden Zeilen nur ein einzelnes, kleines Buchstabenfragment zur Verfügung steht. Der Verfasser selbst betont den “spekulativen Charakter” seines Vorgehens. Aus dieser (durchaus nicht unplausiblen) Rekonstruktion und dem Fundort wird ursächlich eine Identität der “statio Enensis” mit dem vicus bei Mühlthal am Inn hergestellt und Mühlthal als Straßenstation “Ad Enum” des Itinerarium Antonini lokalisiert.
Der Passus “statio Enensis” erscheint somit zweimal, in Ptuj und in Mühlthal. Auf diesen Tafeln geben die Stifter ihr Amt und den Ort ihrer Tätigkeit an. Weiheort und Tätigkeitsort müssen jedoch nicht zwangsläufig identisch sein, das belegt die Inschrift aus Ptuj, der Ort liegt nicht am Inn. Aber Mühlthal wird hier ohne weitere Absicherung als Tätigkeitsort des Stifters identifiziert. Wegen Mühlthals Lage am Inn und der geografischen Nähe zur vermuteten Itinerarienstation Pons Aeni / Ad Enum der traditionellen Römerstraßenforschung scheint damit der längst fällige Beweis für diese Lokalisierung gefunden worden zu sein.
Meinem Erachten nach rechtfertigt der Fund in Mühlthal (abgesehen von der spekulativen Interpolation der “statio Enensis”) nicht die vorgenommene Schlussfolgerung. Der Name der Zollstation Mühlthal hier am Inn kann mit diesem rekonstruierten Text und dem gleichzeitigen Fundort allein noch nicht zweifelsfrei gesichert werden. Der Stifter könnte ebenso gut seinen Tätigkeitsort an einer anderen der  norischen Zollstationen am Inn, von denen es mehrere gab, gehabt haben und sein Votivbild aus besonderem Anlass im Heiligtum in Mühlthal aufgestellt haben.

 

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Die meisten der hier aufgeführten Kritikpunkte werden auch in meinem Römerstraßenbuch, sei es im Text oder in den Fußnoten angesprochen. Dort finden Sie auch entsprechende Quellenangaben und Literaturhinweise.

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Sind Ihre Kritikpunkte auch dabei gewesen? Wenn nicht, dann schreiben oder mailen Sie mir.
(Adresse bei “Kontakt”)
( Sie sollten das Buch aber  zuvor genau gelesen und auch die Fußnoten beachtet haben! )

Selbstverständlich können Sie auch Zustimmendes übermitteln. Vielen Dank.


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